Blog von Ronald Hindmarsh
Sinn als Qualitätskriterium für Schule
Bregenz, 14. 10. 2011
Menschen zu motivieren, ist eine Kunst. Überraschenderweise macht es einen großen Unterschied, ob für einfache, mechanische Tätigkeiten oder für komplexe, geistige Leistungen motiviert werden soll. Die für den Kontext der Arbeitswelt angestellten Überlegungen des amerikanischen Autors Dan Pink erscheinen auch für den Bildungssektor interessant.
Hier zunächst die Situation in der Arbeitswelt: Einfache Leistungen können bekanntermaßen über Belohnung in Form von Geld gefördert werden: Mehr einfache Leistung, mehr Geld. Dies funktioniert aber nur, solange die erwartete Leistung kein besonderen geistigen Fähigkeiten verlangt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Inaussichtstellung einer Belohnung komplexer oder innovativer Leistungen mit Geld sogar kontraprodiktiv ist: Bessere komplexe Leistung, mehr Geld, das geht nach hinten los. Warum ist das so?
Der amerikanische Autor und Journalist Dan Pink hat sich eingehend mit dem Thema Motivation befasst. Er erklärt den Sachverhalt in einem 10-minütigen Video mit sehenswerten Animationen anhand von Studienergebnissen und Positivbeispielen: "The surprising truth about what motivates us":
Für diejenigen, die das Video nicht ansehen können oder wollen, hier die Quintessenz: Der Anreiz für komplexe, geistige Leistungen wird durch folgende vier Wirkfaktoren erhöht:
1) Genug Geld bezahlen, damit das Geld-Thema vom Tisch und der Kopf frei für die Arbeit ist.
2) Autonomy: Den Rahmen so organisieren, dass die Arbeit selbstgesteuert und eigenverantwortlich geleistet werden kann. Damit entsteht Raum für persönliches Engagement. Persönliche Entwicklung macht man gerne (auch ohne Bezahlung).
3) Mastery: Raum für die (Weiter-)entwicklung persönlicher Fähigkeiten geben. Wer sich an seiner Arbeit entwickeln kann, arbeitet gerne (auch ohne Bezahlung).
4) Purpose: Die Arbeit muss den persönlichen ethischen und sinngebenden Kriterien genügen. Wenn die Arbeit als sinnvoll und nützlich für die Gemeinschaft empfunden wird, arbeit man gerne (auch ohne Bezahlung).
Die Motivation der Beteiligten ist nicht nur in der Wirtschaft sondern auch im Bildungssystem der wohl entscheidende Wirkfaktor für den Erfolg. Wollen wir unsere Kinder für einfache, mechanische Arbeiten oder für komplexe, geistige Aufgaben qualifizieren? Wenn letzteres: Wie wäre es, wenn wir den Grad der Raumgebung für Autonomy, Mastery und Purpose zum Qualitätsmassstab für Lehr- und Lernumgebungen machen würden?


